Umweltbewegung in der DDR

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Luftverschmutzung durch Industrie in der DDR

 
 
In der Statistik der Staub- und Schwefeldioxidemission stand die DDR in Europa an erster Stelle. Die Industrie war der Hauptemittent an Luftschadstoffen. Auch der Verkehr trug zur gesundheitsgefährdenden Emission bei. Die entstandene Belastung war vor allem im Süden der DDR zu spüren, da sich die Industrie auf diesen Raum mit den Orten Leipzig, Halle, Bitterfeld, Erfurt und Cottbus konzentrierte.
Da es an Messtechnik mangelte, waren regelmäßige Ermittlungen der Emissionen nicht möglich. Die Angaben erfolgten meist aufgrund von Berechnungen. Es wurde vom Rohstoffverbrauch ausgegangen. Stichproben erhob man selten, manche Emissionsdaten wurden überhaupt nicht statistisch erfasst.
 
Die seit 1980 vertretene Energiepolitik hatte zum Ziel, die DDR unabhängig von anderen Staaten zu machen. Dies führte zu erheblichen Problemen, da ein Großteil der Energieversorgung auf Braunkohle umgestellt werden musste. In den nachfolgenden Jahren wurden 70 Prozent der Energie aus Braunkohle gewonnen. Der Rest bestand aus Erdöl und Erdgas. Zum Heizen privater Haushalte wurde teilweise Salzkohle verwendet. Das führte in Innenräumen zu gesundheitsschädlichen Verhältnissen. Die DDR hatte nach den USA, Kanada, Luxemburg und Skandinavien den höchsten Pro-Kopf-Energieverbrauch.
 
„Es gab keinen Anreiz Energie zu sparen. Die meisten modernen Wohnungen waren fern beheizt. Es gab Ventile an diesen Heizungen, die funktionierten ein Weile, bis sie kaputt waren, dann blieben sie auf irgendeiner Stelle stehen, dann drehte man sie natürlich auf mit der Zange, damit sie wirklich heizen. Zum Regulieren benutzte man das Fenster.“ Carsten Linke
 
Vor allem die Emission von Schwefeldioxid und Staub war in Brandenburg wegen der schwefelhaltigen Braunkohleverbrennung von Bedeutung. Dies galt besonders in den Wintermonaten für den Hausbrand.
 
„Manchmal war die Luft zum Schneiden.“ Matthias Platzeck
 
In Bezug auf die Schadstoffemission spielten in Brandenburg vor allem die Kraftwerke Lübbenau, Vetschau, Jänschwalde sowie Schwarze Pumpe (Bezirk Cottbus) eine große Rolle. Da Brikettfabriken und Kokereien die Braunkohlestäube in zu niedriger Höhe abgaben, war die Region um Cottbus stark geschädigt. In Cottbus produzierte man 1989 den Braunkohlenhochtemperaturkoks für die gesamte DDR. Außerdem wurde ein großer Teil des Stroms hier erzeugt. Man förderte 61 Prozent des Braunkohlevolumens und erzeugte 80 Prozent des Stadtgases. In Brandenburg war Braunkohle der Primärenergieträger. Dadurch gelangte vor allem Schwefeldioxid in die Atmosphäre. Es mangelte in der DDR an Abgasreinigungstechnik für die Industrie. Veraltete Anlagen wurden ohne, bzw. mit verschlissenen Abgasfiltern weiter betrieben und das bei steigender Leistung. Aus den Standorten Schwarze Pumpe und Lauchammer traten über Jahre hinweg geruchsintensive organische Verbindungen, wie Ammoniak, aus. Im Gebiet Frankfurt konnte man für die hohen Schwefeldioxid- und Staubemissionen das Zementwerk Rüdersdorf, das Eisenhüttenstadtkombinat Ost und das Petrolchemie-Kombinat Schwedt verantwortlich machen. In Rüdersdorf wurde ein Sanierungsprogramm eingeleitet, das bis 1984 einen Rückgang der Staubemissionen bewirkte. Jedoch unterblieben die nachfolgenden notwenigen Reparaturen. So emittierte das Kraftwerk weiter. Es entstanden Emissionswerte, die die Bevölkerung gesundheitlich sehr stark beeinträchtigten. Zusammenfassend kann man die häufige Braunkohlenutzung, die zu niedrigen Schornsteinhöhe, die fehlende Abgasreinigungstechnik und die Platzverhältnisse für die starke Überschreitung der Emissionswerte verantwortlich machen. Die Zahl der an Bronchitis erkrankten Kinder stieg von
228 (1974) auf 342 (1989) im Jahresdurchschnitt. Die Zahl der Kinder mit chronischer Bronchitis ist im Verglich zu 1974 bis 1989 um 172% gestiegen.
 
„In Ilmenau waren meine Kinder gesund, und in Karl-Marx-Stadt hatten sie vom ersten Tag an Bronchitis und ähnliche Krankheiten. Und der Arzt sagte, zieht weg, das ist das Einzige, was hilft. Karl-Marx-Stadt hatte vor dem zweiten Weltkrieg den Beinamen Ruß-Chemnitz und diesem Beinamen hat es auch nach dem zweiten Weltkrieg alle Ehre gemacht.“ Matthias Platzeck
 
 
Zwar legten Bezirkshygieneinspektionen Grenzwerte für die Emission fest und erhoben bei Überschreitungen Staub- und Abgasgelder. Doch wurden diese Strafgelder nur für mangelhafte Anlagen erhoben. Fehlende Abgasreinigungstechnik wurde nicht geahndet. 1989 kamen bei solchen Maßnahmen 13 Millionen Mark zusammen. Die für die Sanierung und für andere Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität vorgesehenen Gelder wurden meist zweckentfremdet eingesetzt.
 
 
 
Schwefeldioxid
 
„Wir waren Weltmeister im SO2-Emittieren.“ Matthias Platzeck
 
(gemessen in kg pro Einwohner)
 
Hauptverursacher der hohen Schwefeldioxidemissionswerte war die Energieversorgung. Der Grenzwert für die Langzeitbelastung von Schwefeldioxid liegt bei 150 µg/m³, in einigen Regionen der DDR wurde dieser Grenzwert deutlich überschritten. In Leipzig beispielsweise betrug 1989 die Schwefeldioxid-Konzentration zwischen 160 und 310 µg/m³. Im Winter waren die Werte aufgrund der Kohleheizung in privaten Haushalten noch höher. 1989 wurde an 13 Tagen der Wert von
600 µg/m³ überschritten. Somit hätte das Smogwarnsystem einspringen müssen, um die „akuten Auswirkungen auf die Gesundheit“ (Umweltbericht der DDR) der Menschen zu mindern.
 
„Als ich westdeutsche Dioxin-Grenzwerte gesehen habe und wenn man unsere dagegen gesetzt hat, hätte man es nach westdeutscher Sicht gar nicht überleben dürfen.“ Matthias Platzeck
 
Da die grenzüberschreitenden Schadstoffströme benachbarte Staaten beeinträchtigten, strebten diese einen Vertrag zur Emissionsminderung an. Die DDR unterzeichnete diesen Vertag nicht. Die höchsten Schwefeldioxid-Werte wurden im östlichen Teil der DDR gemessen. Seit 1981 stiegen diese. Grund dafür war die Inbetriebnahme des Kraftwerkes Jänschwalde. Dieses Werk hatte keine Rauchgasentschwefelungsanlage. Da der Schwefelgehalt in der Rohkohle schwankte, konnten zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Werte gemessen werden.
 
 
Stickoxid
 
Die Stickoxidemission entstand zu 73 Prozent durch die Energieerzeugungsanlagen. In privaten Haushalten entstanden 3 Prozent der Emission. Der Rest ging auf Produktionsanlagen und sonstige Betriebe zurück. Die Stickoxidemissionen stiegen bis 1989. Minderungstechniken kamen nie zum Einsatz.
 
 
Staubemission
 
Die Staubemission betrug zwischen den Jahren 1977 bis 1999 in Brandenburg mehr als in den alten Bundesländern zur selben Zeit. Viele Standorte blieben ohne abgasfilternde Technik.
Im Bezirk Cottbus sank die Staubemission, da Entstaubungstechniken bei älteren Anlagen zum Einsatz kamen. Doch die Werte lagen immer noch mehr als ein Siebenfaches über denen der alten Bundesländer.
 
Der Ausstoß anderer luftverunreinigenden Gase (Kohlenmonoxid, Chlor, organische Dämpfe etc.) kann im Nachhinein nur schwer analysiert werden, da die Angaben auf ungenauen Schätzungen basieren. Ob verzeichnete Emissionsveränderungen der Wirklichkeit entsprachen oder nur erfassungsbedingt schwankten, kann man heute nicht mehr sagen.
 
 
 
 
 
 
 
 
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